Gemeindeleben

16. orthodoxer Kongress in Westeuropa

Michael Buk

4. November 2018

« Und ihr werdet meine Zeugen sein » (Apg 1,8)

Vom 1. bis 4. November 2018 fand unter der Schirmherrschaft der orthodoxen Bischofskonferenz von Frankreich der 16. orthodoxe Kongress statt, der von der Orthodoxen Fraternität in Westeuropa organisiert worden war. Durch ihre Anwesenheit beehrten den Kongress Erzbischof Johannes (Erzbistum der Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa – ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel), Bischof Nestor (Diözese von Korssun – Moskauer Patriarchat), Metropolit Joseph (rumänische Metropolie in West- und Südeuropa – Patriarchat von Rumänien) und sein Auxiliarbischof, Bischof Marc von Neamt.

Dem Kongress wurden gleichermaßen Grußbotschaften übermittelt vom ökumenischen Patriarchen Bartholomäus und von Metropolit Athenagoras von Belgien. Ort der Austragung des Kongress war Sainte-Tulle (Alpes-de-Haute-Provence – Frankreich); mehr als 400 Teilnehmer nahmen daran teil, wobei der größte Teil aus Frankreich kam, aber auch andere Länder Europas waren vertreten. Dieses Ereignis konnte zeigen, dass das Verlangen ungebrochen bleibt, das Geheimnis der Kirche in Gemeinschaft zu leben, allen Trennungen zum Trotz, die die Orthodoxen im Westen erfahren.

Zur Eröffnung stellte der Generalsekretär der Fraternität, Daniel Lossky, das Programm vor und erläuterte die theologische Tragweite des Christuswortes, das als Leitthema dienen sollte: « Und ihr werdet meine Zeugen sein » (Ac 1,8).

Die darauf folgende Vollversammlung wurde durch die Hauptrednerin, Inga Leonova, eine amerikanische orthodoxe Laienchristin und Architekturprofessorin in Boston, sowie Direktorin der Zeitschrift The Wheel, animiert. In ihrem englischsprachigen Vortrag, der simultan ins Französische übersetzt wurde, betonte Inga Leonova die Tatsache, dass der christliche Glaube vor allem der Glaube an die Person Christi und die Begegnung mit ihm umfasst. Nur zu oft hat die Kirchengeschichte das Christentum auf Werte einer Morallehre zurückgestuft, manches Mal in einer Ausschließlichkeit, und damit Jesus Christus vernachlässigt und seinen offenen Blick auf das gesamte Menschengeschlecht. Als Antwort auf den Vortrag von Inga Leonova stellte P. Spyridon Tsimouris, ein Priester der Diözese von Piräus (Region von Athen, Griechenland) das Leben seiner Gemeinde vor, die sich den Herausforderungen der Migration stellen muss, welche sich besonders stark bemerkbar machen in der Region, in der er lebt: Die Flut der Flüchtlinge, die in Piräus und in Athen stranden, stellt die Kirche sich selbst gegenüber, sie steht vor dem ganzen Menschen, in dessen Antlitz sich der ganze Christus darbietet in der brüderlichen Liebe. Die Sitzung wurde beschlossen von einem vielschichtigen Austausch mit Moderation.

Die Göttliche Liturgie, gefeiert zur Eröffnung am Freitagmorgen von Metropolit Joseph, hat in Erinnerung gerufen, wie sehr die Einheit der Kirche vor allem im von allen zusammen gefeierten eucharistischen Mysterium verwurzelt ist. Der Hauptredner der vormittäglichen Vollversammlung war Konstantin Sigov, ein orthodoxer Laie, Philosoph und Theologe, sowie Forschungsdirektor an der Universität Mohyla in Kiew. Er engagiert sich bei der Assoziation « Die Kinder der Hoffnung », die sich seit dem Jahr 2014 für die Kriegswaisen des Donbass-Kriegs einsetzt. Konstantin Sigov hat dargelegt, dass für den Christen die soziale Arbeit nicht ein einfacher humanitärer Einsatz ist, sondern sich auf das Zugehen auf den Nächsten und auf Christus gründet. Vor allem hat er unterstrichen, wie eine solche Begegnung, die den Hass und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Mitmenschen überwindet, zu einer Hoffnung herausfordert, die das menschliche Maß bei weitem übersteigt. Diese Überlegungen wurden fortgesetzt aus einer anderen Perspektive durch Vater Kaleeg Hainsworth, einem orthodoxen Priester aus der Gegend von Vancouver in Kanada. Nach der Beendigung einer Missionsarbeit im Herzen der nordamerikanischen Gesellschaft, engagiert sich Vt. Kaleeg für den Umweltschutz. Im Verlauf seiner Ausführungen, die begleitet wurden von hinreißenden Filmaufnahmen, die er gerade über die Haltung orthodoxer Gemeinden zu den dramatischen Konsequenzen der Klimaerwärmung erstellt, hat Vt. Kaleeg vor allem die Dringlichkeit in Erinnerung gerufen, nicht in eine Unbeteiligtheit angesichts der menschlichen Opfer zu verfallen, die die ökologischen Probleme schon hervorgebracht haben und noch hervorbringen werden. Im Gegenzug hat er in seinem Beitrag daran erinnert, dass man angesichts der Herabwürdigung der Schöpfung nicht unbeteiligt bleiben kann, da sie die Schönheit Gottes widerspiegelt. Am Freitagnachmittag fanden gleichzeitig zwei Diskussionsrunden statt. Die eine hatte zum Thema das Zeugnis Christi durch die Liturgie, die andere die aktuellen Herausforderungen der Bioethik. Bei der ersten Diskussionsrunde, moderiert durch André Lossky (Diakon und Professor am Institut de théologie orthodoxe Saint-Serge in Paris) konnten die drei Redner ihre je eigenen Standpunkte darlegen, bevor sie miteinander ins Gespräch kamen und dann im Anschluss im Plenum diskutiert wurde.Vater Stephen Maxfield, Gemeindepriester einer Pfarrei in Shrewsbury (Midland, Großbritannien), stellte besonders die Wichtigkeit der Schönheit bei der Gottesdienstfeier in den Vordergrund – in allen Formen, denn ihr Ablauf spiegelt die Pracht der unaufhörlichen himmlischen Liturgie wider, wie auch die Worte der Gesandten von Großfürst Vladimir zeigen. Im Anschluss rief Alexis Obolensky, ein plastischer Künstler und Gemeindeältester einer Pfarrei in Nizza, zuerst die Verbindung zwischen den Evangeliumstexten in Erinnerung, die von den Taten des Erlösers handeln, und von ihren Darstellungen in den Bildern, bevor er eine Audiovisualisation zu ikonographischen Flachreliefs vorstellte. Schließlich betonte Vater Jean Gueit, Gemeindepriester in Marseille, in seinem Vortrag die Rolle eines jeden Dienstes innerhalb der liturgischen Versammlung, auf dass die Feier nicht reduziert werde auf das Tun einzig des Vorstehers oder Priesters. Die Diskussionen fokussierten sich auf das Zusammenspiel zwischen den Diensten der Gemeinde, vor allem den des Diakons, dessen Rolle nicht einfach ästhetische Ausschmückung ist, sondern die gemeinschaftliche Dimension jeder Liturgie unterstreicht als Sichtbarmachung der Gemeinde, die den Leib Christi bildet. Die zweite Diskussionsrunde wurde eingeleitet und moderiert von Vater Christophe D'Aloisio (Mitglied des Büros der Fraternität und Professor am Orthodoxen Institut Saint-Jean-le-Théologien in Brüssel). Er erinnerte daran, dass eine Diskussion zum gleichen Thema im vorherigen orthodoxen Kongress in Bordeaux 2015 stattfinden konnte. Seitdem bleiben die Diskussionen bezüglich der Bioethik weiterhin zentral für alle. Allem voran nahm sich Bertrand Vergely (Professor am Institut de théologie orthodoxe Saint-Serge in Paris) die Zeit, die Disziplin der theologischen Ethik an sich zu definieren, dann auch ihre besondere Abstufung als Bioethik. Im Anschluss fasste Julia Vidovic (Professorin am Institut de théologie orthodoxe Saint-Serge in Paris) die Foren der Bioethik zusammen, die in den letzten Monaten in ganz Frankreich stattgefunden haben, und legte dar, welche Position von der orthodoxen Kirche vertreten wurde. Anschließend folgten Erläuterungen von zwei Medizinern, André Krajévitch (Anästhesist) und Denys Clément (Gynäkologe und zugleich Mitglied des Büros der Fraternität). Die Diskussionsrunde führte zu einem bereichernden Austausch der zahlreichen Teilnehmer, die sehr durch die Diskussionen herausgefordert wurden, da diese Debatten ganz aktuell in allen westlichen Gesellschaften geführt werden. Im Anschluss wurden zwei Ehrungen ausgesprochen, die erste in Form eines Dokumentarfilms, den Metropolit Athenagoras extra für den Kongress erstellen konnte im Gedenken an Vater Ignace Peckstadt (1926-2016), der seit 1970 aktiv das Leben der Fraternität mitgestaltet hatte. Dann ehrte eine Gruppe von Gläubigen Vater Claude Hiffler (1934-2010), der sich sehr um eine Zusammenführung der Gläubigen im Südosten bemüht hat, noch bevor er 2007 Priester der Gemeinde in Avignon wurde. Am Freitagabend fand zudem ein Informations- und Meinungsaustausch statt zur kirchlichen Situation in der Ukraine und ihre Folgen für die orthodoxe Welt.

Die Vollversammlung am Samstagmorgen als ökumenische Diskussionsrunde war dem Thema gewidmet: Wie Christus bezeugen jenseits aller Trennungen der Christen? Teilnehmer aus verschiedenen Konfessionen, alle engagiert in Initiativen des ökumenischen Dialogs, diskutierten hier: Pastorin Agnès Von Kirchbach, Lehrbeauftragte am Institut Supérieur d’Études OEcuméniques, P. Pierre Lathuilière der katholischen Diözese von Lyon, Frère Richard von der ökumenischen Kommunität von Taizé, Noël

Ruffieux, orthodoxer Laie und Mitautor des Buches Pour que plus rien ne nous sépare. Trois voix pour l’unité. [Auf dass uns nichts mehr trenne. Drei Stimmen für die Einheit.] Unter der Leitung des Moderators Michel Stavrou, Professor für Dogmatik an Saint-Serge, und Olga Laham, Schriftstellerin, konnten die Teilnehmer über die Möglichkeit sprechen, Zeugnis für den gemeinsamen Glauben zu geben und Wege zu finden, gemeinsame Aktionen zu veranstalten, um zusammen Antwort zu geben auf das, was die heutige Welt nötig hat. Die unterschiedlichen Annäherungen konnten zum Ausdruck bringen, dass der Mittelpunkt für alle das Zeugnis bleibt durch eine in der Verbundenheit mit Christus geeinte Gemeinschaft und die Notwendigkeit, mit entschlossener Offenheit mitzuwirken an der Wiederherstellung einer solchen Verbundenheit. Diese Kraft für eine Öffnung wird nur dann da sein, wenn sich der Mensch zu Christus bekehrt, was das Aufgeben gewisser konfessioneller, ganz menschlicher Befugnisse nach sich zieht, die unsere Bindung an Gott und an den Nächsten – und folglich unser christliches Zeugnis in der Welt – behindern.

Am Freitag- und Samstagnachmittag fanden einige Arbeitsgruppen statt, bei denen man tiefer in Kleingruppen über verschiedene Themen sprechen konnte.

Am Samstagnachmittag fasste Vt. Jean Gueit die Gedanken zusammen, die den Kongress begleitet hatten. Während dieser Abschlusssitzung hat Vt. Jean nochmals die Wichtigkeit der Zeugenschaft im Hier und Jetzt betont, und zwar in einer Welt, die sich ständig verändert, aber er wies auch auf die Wichtigkeit der liturgischen Vertiefung hin. Diese Veranstaltung wurde gekrönt durch die gemeinsame Feier der Auferstehung Christi mit der Vigil am Samstagabend und der Liturgie am Sonntag.

Die Tage des Gedankenaustauschs boten den Teilnehmern auch die Gelegenheit, eine kurze Botschaft an die Ersthierarchen der orthodoxen Kirchen auszuarbeiten, um sie davon in Kenntnis zu setzen, welche schmerzhafte Situation entsteht, wenn nicht alle gemeinsam an der eucharistischen Kommunion teilnehmen können. Gleichermaßen wurde ihnen aufgetragen, alles dafür zu tun, die Aufhebung der Kommuniongemeinschaft wieder rückgängig zu machen, die vor allem in Westeuropa Gemeinden und Familien zerreißt. Diese vier Tage konnten sowohl durch Wort als auch durch Taten in Erinnerung rufen, dass das Zeugnis des Evangeliums sich nur in einer Gemeinschaft, versammelt im Namen Jesus Christi, fest verwurzeln kann. Sie ist es, die den privilegierten Raum bietet, in dem der lebenschaffende Odem des Heiligen Geistes normale Frauen und Männer umgestalten kann zu authentischen Zeugen des Herrn in der Welt.

Ein Text, zusammengestellt und vervollständigt durch Daniel Lossky.


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